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3. Mai 2018

Ein Jahr Psychotherapie-Richtlinie: Die Situation therapiebedürftiger Patienten hat sich nicht verbessert.

Es werden mehr Vertragspsychotherapeuten benötigt!

Die neue Psychotherapie-Richtlinie ist am 1. April 2017 in Kraft getreten. Sie sorgt in Rheinland-Pfalz für eine schnellere Versorgung der Patienten mit Akutpsychotherapien, dies allerdings zulasten von Langzeittherapien. Darauf deuten die ersten Abrechnungsanalysen der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz (KV RLP) hin (1).

Neue Angebote werden gut angenommen, aber zulasten von Langzeittherapien

Im ersten Quartal nach der Reform haben insgesamt 18.517 Patienten die psychotherapeutische Sprechstunde in Anspruch genommen, 1.719 Patienten erhielten eine psychotherapeutische Akutbehandlung. Im dritten Quartal nach der Reform waren es 22.439 bzw. 4.872 Patienten.

Das Mehr an Patienten, die durch die beiden neuen Angebote psychotherapeutischen Kontakt hatten, ging jedoch zulasten eines Zugangs zur Richtlinientherapie mittels probatorischer Sitzungen (- 47,4 Prozent) und der zeitintensiven Richtlinientherapie (- 4,7 Prozent). Im Vergleich der Quartale IV/2017 und I/2017 konnten im Durchschnitt pro Vertragspsychotherapeut drei Patienten weniger mit einer Richtlinientherapie behandelt werden.

Der Vergleich der Anzahl der Patienten, die in den Quartalen IV/2016 und IV/2017 erstmals nach Richtlinientherapien behandelt wurden, bestätigt den Rückgang an Richtlinientherapien, konkret von 5.491 im Quartal IV/2016 auf 5.049 im Quartal IV/2017 (- 8,05 Prozent) und dies bei einer konstanten Anzahl vorhandener Versorgungsaufträge.

Die Entwicklung der Anzahl der psychotherapeutischen Sitzungen insgesamt zeigt die gleiche Tendenz. Die neuen Behandlungsangebote gingen zulasten von Richtlinientherapien. Die Zahl probatorischen Sitzungen ist um 53,1 Prozent gesunken, die der Richtlinientherapien um 14,8 Prozent.

Der Vergleich des Zeitaufwandes der Psychotherapeuten für die einzelnen Behandlungsarten zeigt, dass der Gesamtzeitaufwand der Psychotherapeuten vor und nach der Reform weitgehen konstant geblieben ist.

Fazit

Durch die psychotherapeutische Sprechstunde und Akutbehandlung konnten vielleicht eher Richtlinientherapien verhindert werden als ohne diese Angebote vor der Reform. Die Behandlungskapazitäten der Vertragspsychotherapeuten für probatorische und Richtlinientherapien sind jedoch im gleichen Verhältnis gesunken wie die psychotherapeutische Sprechstunde und Akutbehandlung als neue Angebote angeboten wurden. Durch die Reform wurde so mehr Patienten ein Erstgespräch in Sprechstunden ermöglicht, dies aber auf Kosten von Langzeittherapien.

Nur wenige Terminvermittlungen über die KV RLP

Nur 2,2 Prozent der in den ersten drei Quartalen nach der Reform behandelten Patienten sind über die Terminservicestelle (TSS) der KV RLP vermittelt worden. In absoluten Zahlen sind dies 1.627.

Die Wartezeit auf ein Erstgespräch ohne Hilfe der TSS sind laut der gerade vorgestellten Studie der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) durch die neuen Angebote seit 1. April 2017 von durchschnittlich bundesweit 12 Wochen auf 5,7 Wochen verkürzt worden. In Rheinland-Pfalz betragen sie durchschnittlich 6,8 Wochen, also etwas höher als im Bundesdurchschnitt.

Über die TSS der KV RLP erhielten die Patienten innerhalb von 10 bis 17 Tagen einen ersten Termin vorwiegend für ein Erstgespräch.

Fazit

Die kürzeren TSS-Vermittlungszeiten sind für diese derzeit aufgrund der moderaten Nachfrage nach Vertragspsychotherapeuten und der relativ geringen Zahl der Vermittlungen noch gut leistbar. Mit der Zahl der TSS-Vermittlungen würden bei einer konstanten Vertragspsychotherapeutenzahl aber auch die Wartezeiten bei TSS-Vermittlungen steigen.

Keine Entwarnung für die Richtlinientherapie

Auf eine erste Sitzung für eine Richtlinientherapie, genannt probatorische Sitzung, müssen Patienten in RLP laut Studie der BPtK durchschnittlich 19,4 Wochen warten, im Bundesdurchschnitt 19,9 Wochen.

Die TSS der KV RLP kann zur Terminvermittlung nur auf die vorhandenen Kapazitäten der Vertragspsychotherapeuten zurückgreifen, die sich gegebener Zahl der Therapeuten gemäß Bedarfsplanung nicht frei vermehren lassen.

Fazit

Die von den Kassen geforderte Einbeziehung auch der probatorischen Sitzungen und damit der Richtlinientherapie in die Vermittlung durch die TSS würde zu keiner Entspannung der durchschnittlichen Wartezeiten in Rheinland-Pfalz führen.

Bedarfsplanung von Anfang an verfehlt

Während die meisten Haus- und Fachärzte im Quartal zwischen 800 und 1500 Patienten im Durchschnitt sehen und behandeln, können Psychotherapeuten in RLP pro Patient, abhängig vom Umfang des Versorgungsauftrages, nur durchschnittlich 41 bis 64 Patienten im Quartal betreuen.

Auch der durchschnittliche maximale Zeitaufwand pro Woche für diese sehr auf Beziehung und Passung zwischen Patient und Therapeut angewiesene Behandlungskonstellation ist – auch mit Rücksicht auf das jeweilige Diagnosenspektrum – begrenzt.

Fazit

Die stillschweigend vorausgesetzte momentane Kalkulationsgröße in der psychoherapeutischen Versorgung für die wöchentliche Auslastung einer psychotherapeutischen Praxis mit durchschnittlich rund 36 Sitzungen reiner Richtlinientherapie und zusätzlich rund 10 bis 14 Sitzungen vorbereitender, diagnostischer und sonstiger Therapiesitzungen ist willkürlich und zu hoch gegriffen. In RLP haben diese Grenzauslastung in den letzten zwei Jahren nur rund drei Prozent aller Praxen erreicht.

Zahl der Vertragspsychotherapeuten muss erhöht werden

Nach der aktuell gültigen Bedarfsplanung wird in Großstädten ein größerer Psychotherapiebedarf unterstellt also in ländlichen Regionen. Bundesweite Studien (2) und eigene Auswertungen der KV RLP zeigen jedoch: Die Prävalenz für psychische Störungen ist entweder identisch oder in manchen ländlichen Planungsregionen sogar größer als in städtischen. Im Durchschnitt beträgt diese bei Erwachsenen rund 32 Prozent und bei Kinder- und Jugendlichen rund  24 Prozent bezogen auf die Einwohnerzahl. Die ungleiche Bedarfsvermutung ist somit nicht zu rechtfertigen.

Mitversorgungseffekte von Großstädten führen nur in den Stadt-Randlagen zu Entspannungen.

Durch eine einheitliche Bedarfsplanung in der Stadt und auf dem Land entstünden nach dem Vorschlag des BPtK deutschlandweit maximal rund 7.000 zusätzliche vertragspsychotherapeutische Praxissitze vor allem außerhalb von Großstädten, in Rheinland-Pfalz bis zu 580. Mit dieser Versorgungsdichte würde sich die Wartezeit auf Psychotherapien erheblich verringern.

Fazit

Hinter der Forderung des BPTK, dass die Zahl der Vertragspsychotherapeuten zur Verringerung von Wartezeiten auf Psychotherapien und zur qualitativen Verbesserung der Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen erhöht werden muss, steht auch die KV RLP. 

Quellen

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27. Februar 2020