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19. Mai 2014

Verfolgte jüdische Ärzte – Ausstellung in der KV RLP

Unter dem Titel "Fegt alle hinweg, die die Zeichen der Zeit nicht verstehen wollen!" erinnert eine Ausstellung im KV RLP-Regionalzentrum Koblenz an das Schicksal jüdischer Ärztinnen und Ärzte in der NS-Zeit – eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, das die Ärzteschaft selbst lange ausgeblendet hat. KV-TV sprach mit einem der Initiatoren.

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Lesefassung

Sprecherin: "Fegt alle hinweg, die die Zeichen der Zeit nicht verstehen wollten!" So lautet der Titel dieser Ausstellung, die an das Schicksal jüdischer Ärztinnen und Ärzte in der NS-Zeit erinnert – eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, das die Ärzteschaft selbst lange ausgeblendet hat. Zu sehen ist sie im Koblenzer Regionalzentrum der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz.

Dr. Hansjörg Ebell | Initiator der Ausstellung: Diese Ausstellung wurde konzipiert zum 70. Jahrestag, also 2008, des Approbationsentzuges. Wir hatten in München eine Kulturveranstaltung und hatten sehr viel, sehr gutes Material und haben uns gesagt: Was ist mit dem ganzen Material? Wir haben es dann in Form einer Ausstellung noch verwendet, aber wir hatten keine Vorstellung davon, dass wir damit jetzt im sechsten Jahr unterwegs sind. Das war ursprünglich nur für München geplant.

Sprecherin: Bezirksärztekammer und Bezirkszahnärztekammer Koblenz sowie Kassenzahnärztliche und Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz haben diese Ausstellung unterstützt. Entrechtung, Vertreibung und Ermordung: Exemplarisch werden hier Einzelschicksale dokumentiert.

Ursula Ebell | Historikerin und Kuratorin: Im Zuge unserer Recherchen ergaben sich viele Kontakte auch zu Nachkommen von Betroffenen. Bereitwillig stellten sie uns Material aus ihren Privatbesitzen zur Verfügung. Ich glaube, man sieht es der Ausstellung auch an, es gibt sehr viele private Dokumente zu sehen.

Dr. Hansjörg Ebell | Initiator der Ausstellung: Speziell hier das Schicksal von Frau Schwarz, eine Münchner Ärztin. Wir haben die Tochter kennengelernt, eine alte Dame von 85 Jahren, die das alles mitbekommen hat. Und da war das Besondere, dass sie in den letzten Kriegsjahren, also Anfang '45, da sollte der letzte Transport von München weggehen ins Vernichtungslager. Und sie wäre mit ihren Patienten mitgegangen. Und da hat ein befreundeter Kollege gesagt, nee, nichts da, und hat sie in der geschlossenen Abteilung auf seiner Station als Patientin versteckt. Und so hat sie überlebt und hat dann gleich nach '45 weiter bis in die 70er-Jahre als Ärztin weitergearbeitet.

Sprecherin: Auch nach so vielen Jahren hat die Ärzteschaft die historische Aufarbeitung des Geschehenen noch nicht bewältigt. Daher sind die Kassenärztlichen Vereinigungen im besonderen Maße mitverantwortlich dafür, die Erinnerung aufrechtzuerhalten.

Dr. Hansjörg Ebell | Initiator der Ausstellung: Diese spezielle Geschichte des Approbationsentzugs ist ja auch ein dunkles Kapitel der Körperschaften der Ärzteschaft, die ja von den Nationalsozialisten geschaffen wurden als Belohnung für die Unterstützung der Politik der Nazis. Und man könnte sogar so weit gehen, dass manches eher als Initiative aus der Ärzteschaft losging und gar nicht so direkt von den Nationalsozialisten zu verantworten war. Also diesbezüglich ist es extrem wichtig, sich mit diesem Kapitel der Ärzteschaft oder der Politik der Ärzteschaft zu befassen. Und das geschieht inzwischen.

Sprecherin: Kaum vorstellbar, dass es vor 20 Jahren noch ganz anders aussah. Noch zum 50. Jahrestag des Approbationsentzugs jüdischer Ärztinnen und Ärzte wollte sich kaum ein Standesvertreter mit der NS-Zeit auseinandersetzen.

Dr. Hansjörg Ebell | Initiator der Ausstellung: Da war die Reaktion in der Ärzteschaft noch komplett anders. Es wurde als Nestbeschmutzung beschimpft, es wurde einfach verleugnet in dem Sinne und von daher: Es hat sich da wirklich sehr viel getan.

Sprecherin: Auf der einen Seite Zeitungsauschnitte, behördliche Dokumente der Diffamierung und Existenzvernichtung und auf der anderen Seite Fotos, persönliche Briefe und Erinnerungen. Die Ausstellung ist ein Versuch, diese Menschen aus der Anonymität der Millionen Opferzahlen heraustreten zu lassen.

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